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DER ZWEITE BLICK

Gedanken über das, was im Lärm untergeht.

Aktuell / Der neueste Artikel27. Oktober 2026
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Warum muss jede Bildungsreform neu sein, wenn anderswo längst etwas funktioniert?

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Ein österreichischer Bundespräsident sagt in New York das Wort „Kriegsverbrechen", und aus Israel kommt die Antwort, er solle sich schämen, ausgerechnet er, bei dieser Vergangenheit. Man muss den Satz zweimal lesen. Da wird einem Land seine Geschichte vorgehalten, damit es über die Gegenwart schweigt. Als wäre die Lehre aus Österreichs dunkelster Zeit, höflich zu bleiben, statt hinzusehen.
Die Welt ist größer als fünf

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Der zweite Blick. In Bewegung.

Drei Formate für Gedanken, die über den Text hinausgehen.

Der zweite Blick

35–60 Sek.

Ein Gedanke. Ein Perspektivwechsel.

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Hinter dem Artikel

45–90 Sek.

ÖZ über den Anlass und die Frage hinter einem Text.

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Ein Satz, zwei Blicke

12–25 Sek.

Ein Satz, der beim zweiten Hinsehen etwas anderes erzählt.

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01

Gedanken

Was feiern wir überhaupt? Viele glauben, die Neutralität stehe im Staatsvertrag. Tut sie nicht. Der Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 gab uns die Freiheit zurück, von Neutralität steht dort kein Wort. Die hatte Moskau im April als Bedingung genannt, und damit niemand sagen konnte, wir seien gezwungen worden, beschloss sie der Nationalrat am 26. Oktober 1955 selbst. Aus freien Stücken, steht im Gesetz. Einen Tag, nachdem der Abzug der Besatzungstruppen zu Ende war. Freiwilliger geht es kaum.

Immerwährende Neutralität. Na hawidere.

Trotzdem ziehen wir den Kreis des „Wir" immer enger. Erst zählen nur die Staatsbürger, dann die, die schon länger da sind, am Ende die eigene Familie. Wir verkleinern das Boot, damit es nicht voll wird, und wundern uns dann, dass keiner mehr mitrudert.

Uns geht's gut, nur den anderen nicht

Ich habe Respekt vor jedem, der ein Bildungssystem klüger machen will, und vieles an der Schule gehört verändert. Aber man erneuert ein Handwerk nicht, indem man es von der Tribüne aus neu erfindet. Die Stoiker, bei denen ich gern nachlese, hielten es für töricht, über eine Kunst zu urteilen, die man nie geübt hat. Vielleicht ist die ehrlichste Bildungsrevolution die: einmal selbst in den Turnsaal zu gehen, mit fünfundzwanzig Kindern, und zu schauen, wie weit man mit einer A4-Seite kommt.

Was man von der Tribüne aus sieht

Zurück nach Österreich. Dass ausgerechnet von hier so lange bedingungslose Loyalität kam, hat mit der Geschichte zu tun, und dieser Reflex ist ehrbar. Ein Land, das einmal weggesehen hat, will nie wieder auf der falschen Seite stehen. Nur heißt „nie wieder" nicht, einer Regierung alles durchgehen zu lassen. Es heißt, den Mund aufzumachen, wenn Zivilisten sterben und das Recht gebrochen wird, gleich wer die Opfer sind. Van der Bellens Sätze sind kein Bruch mit Österreichs Verantwortung.

Die Welt ist größer als fünf

Das Buch, das ich in diesen Ferien lese, steckt voller kluger Methoden. Kaum eine davon ist neu, fast jede hat sich anderswo bewährt, bevor sie es zwischen zwei Deckel geschafft hat. Mir wäre so eine erprobte Methode, einem Klügeren abgeschaut, immer lieber als eine selbstgebastelte, die vor allem unserer Originalität schmeichelt. Die Stoiker, bei denen ich gern nachlese, hielten es nicht für eine Schande, vom Besseren zu lernen.

Abschreiben erlaubt

Irgendwann werde ich in diesem Klassenzimmer stehen. Ich hoffe, ich stehe dann bei dem Kind, das sich etwas ausgesucht hat, und nicht bei denen, die schon wissen, was gut für es ist. Wer sich da so sicher ist, sollte sich wenigstens fragen, ob Freiheit noch Freiheit heißt, wenn sie nur eine Richtung kennt.

Frei – aber nur, wenn du dich richtig entscheidest?
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Geschichten

Als ich mich für das Lehramt Primarstufe bewarb, saß ich in einem Aufnahmeverfahren, das härter war als jede Castingshow. Deutsch, fehlerfrei. Singen, Tanzen, Rhythmik. Laufen, Geräteturnen, Ausdauer. Und ein Gespräch, in dem die Jury kritischer war als Dieter Bohlen an einem schlechten Tag. Wer durchfiel, fiel durch. Ich erzähle das, weil ein bekannter Philosoph genau dieses Casting gerade erst erfinden will.

Was man von der Tribüne aus sieht
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Zitate

Ein österreichischer Bundespräsident sagt in New York das Wort „Kriegsverbrechen", und aus Israel kommt die Antwort, er solle sich schämen, ausgerechnet er, bei dieser Vergangenheit. Man muss den Satz zweimal lesen. Da wird einem Land seine Geschichte vorgehalten, damit es über die Gegenwart schweigt. Als wäre die Lehre aus Österreichs dunkelster Zeit, höflich zu bleiben, statt hinzusehen.

Die Welt ist größer als fünf

Damit sind wir bei der eigentlichen Frage: Sagen die Bedingungen, die ein Land schafft, etwas über die Bildung seiner durchschnittlichen Jugendlichen aus? Sie sagen alles. Man muss die Testaufgabe gar nicht kennen. Es genügt zu sehen, was ein Land tut, wenn die Zahlen fallen, ob es das Bewährte kopiert oder ein weiteres Konzept schreibt. Das eine zieht die Kurve nach oben. Das andere produziert die nächste Pressekonferenz mit dem Wort „Licht und Schatten".

Abschreiben erlaubt

Die Integrations- und Familienministerin hat den Zweck klar benannt. Das Kopftuch, sagte Claudia Plakolm im Parlament, sei „ein Zeichen der Unterdrückung". Der Staat schützt die Freiheit des Mädchens also, indem er ihm eine Entscheidung wegnimmt. Und er tut das mit einer Selbstverständlichkeit, die stutzig macht: Er weiß offenbar schon, was der Stoff für das Mädchen bedeutet, das ihn trägt. Besser als sie selbst.

Frei – aber nur, wenn du dich richtig entscheidest?
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Beispiele

Wie ernst es gemeint war, zeigt die Chronologie. 1989 schrieb Österreich im Brief nach Brüssel, es gehe von der Wahrung seiner immerwährenden Neutralität aus. Die Bundesregierung nannte sie im selben Jahr unabdingbar und wollte sie völkerrechtlich absichern lassen. 1994 stimmten bei einer Beteiligung von 82,3 Prozent knapp 67 Prozent für den Beitritt. 1995 stand im Beitrittsvertrag nichts, was die Neutralität absichert. Das Parlament schreibt selbst, man habe auf jede Absicherung verzichtet.

Immerwährende Neutralität. Na hawidere.

Die Zahlen sind eine Frechheit, und zwar uns gegenüber. Je nach Umfrage sind zwischen zwei Dritteln und neun von zehn Menschen hier mit ihrem Leben zufrieden, das Eurobarometer kommt Ende 2025 auf 88 Prozent. Gleichzeitig sehen laut Ipsos im April 2026 knapp drei Viertel das Land auf dem falschen Weg, und 85 Prozent finden die Wirtschaftslage schlecht. Im November davor lag der Wert für den falschen Weg bei 79 Prozent, im Schnitt der anderen befragten Länder bei 61.

Uns geht's gut, nur den anderen nicht

Waffen fallen dabei nicht vom Himmel. Laut SIPRI kamen von 2020 bis 2024 rund 43 Prozent aller Waffenexporte aus den USA. Die fünf größten Exporteure, also USA, Frankreich, Russland, China und Deutschland, liefern zusammen etwa 70 Prozent. Größter Importeur war in dieser Zeit die Ukraine, dahinter folgen Indien, Katar, Saudi-Arabien und Pakistan.

Der Burger, der Tesla und die Rüstung

Seit Beginn des Schuljahres 2026/27 gilt in Österreich ein Gesetz, das ich als angehender Lehrer eines Tages durchsetzen soll. Mädchen bis vierzehn dürfen in der Schule kein Kopftuch mehr tragen. Trägt eine Schülerin es trotzdem, beginnt ein Verfahren: erst ein Gespräch in der Schule, dann die Schulbehörde, bei weiterem Verstoß die Kinder- und Jugendhilfe, am Ende eine Geldstrafe bis zu 800 Euro für die Eltern.

Frei – aber nur, wenn du dich richtig entscheidest?
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Fragen

Im Qur'an heißt es in Sure 5, Vers 2 sinngemäß: Helft einander zum Guten und zur Gottesfurcht, aber helft einander nicht zur Sünde und Übertretung. Ich lese diesen Vers nicht als Urteil über andere. Ich lese ihn als Frage an mich: Wobei helfe ich eigentlich, auch wenn ich es nicht merke?

Der Burger, der Tesla und die Rüstung

Bei einem neu angekommenen Kind ist fehlendes Deutsch zunächst keine Überraschung. Das System muss darauf vorbereitet sein, rasch und verlässlich zu fördern. Bei einem Kind, das seine gesamte frühe Kindheit in Wien verbracht hat, stellt sich eine andere Frage: Wie konnten Familie und Einrichtungen so lange nebeneinanderher leben, ohne dass jemand wirksam eingriff?

🇦🇹 Die erste Klasse beginnt Jahre zu spät
Öztürk Öz
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Autor & Herausgeber

Öztürk Öz

Ich recherchiere selbst, ich prüfe nach, und dann sage ich, was ich denke – klar, auch wenn es unbequem ist.

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